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Der Arzt von Stalingrad

21. März 2011

Fundstück: aerzteblatt.de Autor: Dr. med. Bernd P. Laufs M.A.

Externer Link: http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?id ...

Der Arzt von Stalingrad: Projektionsfläche für die Suche nach dem guten Deutschen

Für den Roman „Der Arzt von Stalingrad“ lieferte Ottmar Kohler (1908–1979) das Vorbild. Nach seiner Rückkehr aus russischer Kriegsgefangenschaft wurde er vielfach geehrt; trotzdem fühlte er sich in der Nachkriegsgesellschaft nicht mehr zu Hause.

Als der Chirurg Dr. med. Ottmar Kohler an Silvester des Jahres 1953 im Lager Friedland aus beinahe elfjähriger russischer Gefangenschaft heimkehrte, war er ein geachteter Mann: Er wurde am folgenden Neujahrstag im Kölner Hauptbahnhof nicht nur von Konrad Adenauer, sondern auch von vielen ehemaligen Kriegsgefangenen freudig begrüßt. Sein Ruf war ihm vorausgeeilt als „Arzt von Stalingrad“, der Hunderte von Menschen in verschiedenen Kriegsgefangenenlagern mit primitiven Hilfsmitteln vor dem sicheren Tod gerettet hatte. Als im Jahr 1956 der Roman „Der Arzt von Stalingrad“ von Heinz G. Konsalik erschien, war aller Welt klar, dass Ottmar Kohler das Vorbild für diese Geschichte darstellte. Obwohl Konsalik den Chirurgen Kohler vor dem Erscheinen des Romans nie getroffen hatte, sagte er über ihn: „Dieser Mann war ein Held der Wirklichkeit, keine erfundene Romanfigur.“ 

Kohler selbst war niemals glücklich über seine Verknüpfung mit der Romanfigur des Arztes von Stalingrad. Er war kein Mensch für die öffentliche Bühne, er vergaß nicht die vielen anderen Ärzte, die in der Gefangenschaft Ähnliches wie er geleistet hatten. Im Juli 1954 erschien ein Bericht über Kohler in „Das Beste aus Reader's Digest“, im gleichen Jahr in der „Münchner Illustrierten“ eine Fotoreportage mit dem Titel „Ein Held der Menschlichkeit“, auch die in Florenz erscheinende „Nazione Sera“ erzählte in einer Serie über die außergewöhnlichen Leistungen des Dottore dei miraculi.

Fremd im eigenen Land
Trotz dieser Publizität und Anerkennung war Kohler kein glücklicher Mensch. Die mehrfache Tragik seines Lebens besteht darin, dass er 1941 als junger Mediziner in einem Sanitätskommando der sechsten Armee in einem Vernichtungskrieg nach Russland marschierte, mehr als zehn Jahre in russischer Gefangenschaft verbringen musste und sich als Spätheimkehrer fremd im eigenen Land fühlte. Er konnte an seinen Traum einer wissenschaftlichen medizinischen Karriere nicht mehr anknüpfen; vielmehr wurde er funktionalisiert für die Bedürfnisse der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft, indem er zur Projektionsfläche für die Suche nach dem guten Deutschen im Krieg angesichts der Verbrechen des Zweiten Weltkriegs gemacht wurde. 

Die Medizin im Nationalsozialismus war durch Gestalten wie Karl Brandt und Josef Mengele, die Sterilisationspolitik und die „Euthanasie“-Aktion diskreditiert. Im Nürnberger Prozess und im Buch Alexander Mitscherlichs (zusammen mit Fred Mielke) über die „Wissenschaft ohne Menschlichkeit“ (1948) waren die Ärzte als allzu anfällig für die Ideologie des Nationalsozialismus entlarvt worden. Zwar wurde die fatale Rolle der Ärzte im Dritten Reich erst seit den 80er-Jahren durch weitere Forschungsarbeiten in ihrem ganzen Ausmaß offenkundig, doch deren Beteiligung an den unmenschlichen Experimenten in den Konzentrationslagern und der Tötung Geisteskranker war bereits in den 50er-Jahren zumindest in Fachkreisen Thema. 

Nur vor diesem Hintergrund konnte die Idealisierung einer ärztlichen Tätigkeit gelingen, die mit archaischen Mitteln (Nähte mit Zwirn, Amputationen mit Metallsägen, Trepanationen mit normalen Handbohrern) heilte: die unpolitische elementare handwerkliche Chirurgie blieb neutral gegenüber aller Barbarei, die Ärzten des Dritten Reiches durch kritische (Medizin-)Historiker angelastet wurde.

Der Schriftsteller Heinz G. Konsalik hatte mit dem Ohr am Zeitgeist die Apologie der Medizin in der Zeit des Nationalsozialismus im Arzt von Stalingrad (1956) literarisch entworfen. Die Medizin der Nachkriegszeit interessierte sich nicht mehr für die unmenschliche Medizin der Jahre von 1933 bis 1945. Der immense Erfolg des Romans von Konsalik (später auch verfilmt mit O.E. Hasse und Mario Adorf), der mit der Realität der Kämpfe um die Wolgastadt wenig gemein hat, sondern den Mythos von Stalingrad nur als Chiffre für das Grauen des Krieges aufnimmt, erklärt sich durch seine groteske Botschaft: Die Überlegenheit der Deutschen zeigt sich trotz der Niederlage im Krieg in der moralischen Integrität und der überlegenen ärztlichen Heilkunst.

Ottmar Kohler wurde am 19. Juni 1908 in Gummersbach, einer Kreisstadt im Oberbergischen Land, in eine Familie mit ärztlicher Tradition geboren. Der Vater, ebenfalls Arzt mit gleichem Vornamen, starb einige Monate vor seiner Geburt. Kohler studierte in Rostock, Wien und Köln Medizin und bestand dort das medizinische Staatsexamen, war Mitglied in der Münchener Burschenschaft Cimbria. Mit seiner Doktorarbeit über Zwei oberbergische Ärzte und ihre Bedeutung für den Kaiserschnitt wurde er an der Universität Köln promoviert. Am 27. Juni 1938 erhielt er von der Ärztekammer Rheinland die Facharztanerkennung im Fach Chirurgie.

Im September 1939 wurde Kohler zur 60. Infanteriedivision eingezogen und erreichte als Oberarzt der Reserve mit dieser Division nach Einsätzen in Polen, Frankreich und auf dem Balkan im Herbst 1942 Stalingrad, wo er im berüchtigten Kessel eingeschlossen und gefangen genommen wurde. Nach einem Heimaturlaub im Dezember 1942 hätte er die Chance zum Verbleib in Deutschland gehabt; er kehrte in das Inferno zurück – er habe seine Kameraden nicht im Stich lassen wollen. Von Februar 1943 bis 1953 befand sich Kohler in russischer Gefangenschaft, verbrachte diese Zeit in insgesamt 13 verschiedenen Lagern, unter anderem in Jelabuga, Tarnowje, Solny, Dubowka. Er musste dort mit bescheidensten Mitteln ärztlich tätig sein, besann sich auf mittelalterliche medizinische Methoden, diagnostizierte ohne Röntgenapparate nur mit klinischer Untersuchung. Kohler selbst litt während der Gefangenschaft über 13 Tage an einer Fleckfieberinfektion mit mehr als 40°C. 

Im Jahr 1949 übertrug man ihm die ärztliche Leitung der Chirurgischen Abteilung des Zentralhospitals für Kriegsgefangene in Stalingrad. Kohler hatte nach eigener Zählung während des Kriegs mehr als 600 Bauchschüsse, sehr viele Brust- und Schädelverletzungen und unzählige Extremitätenverletzungen unter widrigen Bedingungen ungewöhnlich erfolgreich operiert. Nach der vernichtenden Niederlage der sechsten Armee bei Stalingrad gingen rund 90 000 deutsche Soldaten in Kriegsgefangenschaft. Von diesen kehrten nur etwa 6 000 nach Deutschland zurück. 

Um Jugendträume betrogen
Obwohl Kohler an der Chirurgischen Universitätsklinik Köln wieder Anschluss an den Stand der medizinischen Entwicklung im Nachkriegsdeutschland suchte, blieb ihm eine universitäre Karriere verschlossen. Trotz Hartmann-Plakette (1978) und Ehrenmitgliedschaft in der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie (1979) fühlte er sich um seine Jugendträume betrogen. Ein Beitrag zu einem medizinischen Handbuch über Chirurgisch-orthopädische Beobachtungen und Erfahrungen im Krieg und in Gefangenschaft, in dem er seine Erkenntnisse der elementaren Heilkunde niederlegen wollte, ist nie fertiggestellt worden. 

Kohlers Mitgliedschaft im Bund der Stalingradkämpfer war durch christliche und pazifistische Intentionen motiviert, aber bei diesen Treffen war er als Redner vor allem deshalb gefragt, weil die Stalingradbünde durch das Aushängeschild eines vermeintlich apolitischen und militärfernen Arztes nicht als revanchistischer Kriegerverein verdächtigt werden wollten. 

In der Korrespondenz Kohlers, die in seinem Nachlass im Landeshauptarchiv Koblenz aufbewahrt wird, findet man zahlreiche Bittbriefe von ehemaligen Kriegsgefangenen, die im Nachkriegsdeutschland gegen die Versorgungsämter um die Anerkennung von Kriegsleiden (oft vergeblich) kämpften. Häufig musste Kohler die Hilfegesuche abweisen, weil er sich an den Briefschreiber nicht mehr erinnern konnte oder gemäß der Beschreibung zur fraglichen Zeit gar nicht in dem beschriebenen Lager gewesen sein konnte. 

In einem Brief vom 18. März 1968 kommt Kohlers tiefe Enttäuschung über den Empfang der Kriegsteilnehmer in der bundesrepublikanischen Nachkriegszeit zum Ausdruck: „Das Fortgehen in Krieg und Gefangenschaft war sicher sehr schwer – aber das Zurückkommen war tausendmal schwerer.“ 

Am 27. Juli 1979, im Alter von 71 Jahren, verstarb Kohler unerwartet früh an den Folgen eines Schlaganfalls, nachdem er im März des gleichen Jahres am Herzen operiert worden war. Beigesetzt wurde er in seinem Geburtsort Gummersbach. 


Von Dr. med. Bernd P. Laufs M.A.
Deutsches Ärzteblatt

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